
Hilchenbach. Fast 30 Jahre lang war er einer der erfolgreichsten Langstreckenläufer in Westfalen. Erstmals stand er 1987 beim Südsauerlandlauf in Wenden an der Startlinie, nach dem letzten Rennen bei den Deutschen Straßenlauf-Meisterschaften 2014 hängte er die Laufschuhe an den Nagel. Heute feiert die „Hilchenbacher Bergziege“ Thomas Braukmann seinen 60. Geburtstag. Anlass, um auf seine erfolgreiche Zeit als Leistungssportler zurückzublicken.
Er hat nur eine Körpergröße von 1,65 Meter – im Laufsport aber, da zählte er zu den Größ(t)en der Region. „Vielleicht ganz gut so, dass ich so klein war. Lange Beine hätten mich am Berg sicher nur gestört“, nimmt Thomas Braukmann seine Statur mit viel Humor. Rund drei Jahrzehnte lang war der gebürtige Grunder, der seit 30 Jahren mit Familie in Hilchenbach wohnt, einer der besten Langstreckenläufer in Westfalen – von 5.000 Meter bis Marathon und sogar weit darüber hinaus auf den Ultrastrecken. Aber eine ganz besondere Stärke, die führt er auch auf sein Körpermaß zurück. Am Berg machte Thomas Braukmann so schnell keiner etwas vor. Wenn die meist größer gewachsene Konkurrenz am Anstieg hechelte, drehte er erst richtig auf. Und so hatte er auch schnell seinen Spitznamen „Hilchenbacher Bergziege“ weg. Frank Münzner, in den 80er und 90er Jahren erfolgreicher Langstreckler des TuS Deuz (Bestzeiten von 1:11 Std./HM und 2:28:24 Std./Marathon) erinnert sich nur zu gut an die Qualitäten seines Kontrahenten: „Thomas war am Berg der Wahnsinn, da konnte keiner mithalten.“
Thomas Braukmann – ab heute ein Sechziger

Die aktive Zeit von Thomas Braukmann als Leistungssportler liegt nun schon über 10 Jahre zurück – am heutigen Donnerstag, 19. März, feiert er im engsten Familienkreis mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Töchtern Janina (32) und Sophie (28) seinen 60. Geburtstag. Ein guter Anlass also, um nochmal auf die erfolgreiche Sportkarriere zurückzublicken. All seine Erfolge, Medaillen, Pokale und Zeitungsausschnitte passen sicher nicht in einen kleinen Schuhkarton. Und so kam Thomas auf die Frage von Laufen57, wieviele Titel er denn nun geholt habe, mächtig ins Straucheln. „Boah, dass kann ich wirklich nicht mehr sagen. Die vielen Titel als Kreismeister, Westfalenmeister und Westdeutscher Meister kann ich wirklich nicht mehr alle aufzählen, da fehlt mir echt die Buchführung. Ich erinnere mich aber daran, dass ich mal eine Sportjacke mit den ganzen Westfalenpferdchen als Aufnäher hatte, die war dann aber irgendwann komplett voll.“
Deutscher Meister über 50 Kilometer

Und so bleibt es an dieser Stelle bei der Aufzählung der wichtigsten Bestleistungen und Titel. Im Jahr 2000 lief Thomas Braukmann bei den Deutschen Meisterschaften über 50 Kilometer am Edersee zum Titel des Deutschen Meisters in der Zeit von 3:07:33 Stunden, bis heute Siegerlandrekord über diese Strecke. Er gewann zudem den DM-Titel im Ultra Crosslauf am Rennsteig über 75 Kilometer. Bei der Senioren-Europameisterschaft 2012 im Marathon lief er mit der Mannschaft zu „Gold“ und im Einzel zu „Bronze“. Seine Bestzeiten: 5.000 Meter Bahn 14:47 min., 10.000 Bahn „…da hatte ich nie Bock drauf!“, 10 Kilometer Straße in 30:47 min., Halbmarathon in 1:05:45 Std. und Marathon in 2:25 Std. (1999 in Hamburg). Seit 1997 hält er den Siegerlandrekord im 15-Kilometer-Straßenlauf in 47:57 Minuten. Auch am Siegerlandrekord in der Mannschaftswertung im Halbmarathonlauf ist er beteiligt. 1996 lief das Trio der LAG Siegen mit Michael Loos (1:06:29 Std.), Dieter Müller (1:07:38 Std.) und Thomas Braukmann (1:08:48 Std.) in Kaiserslautern die bis heute gültige Bestzeit von 3:22:55 Std. Als Vereinsmitglied bei der TSG Helberhausen startete er viele Jahre für die LG Kindelsberg Kreuztal, aber nach einem Wechsel zum TV Niederschelden auch für die LAG Siegen.

Rothaarwaldlauf einer der Lieblingsstrecken
Thomas Braukmann erinnert sich noch gut an seine ersten Schritte als Läufer. „Ich war Lehrling bei der SIEMAG, habe die Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht, da bin ich dann mal zum Lauftreff der TG Grund gegangen. Das hat mir Spaß gemacht und ich bin dabeigeblieben.“ Seinen ersten Wettkampf lief er 1987 beim Südsauerlandlauf der SG Wenden, für die 10 Kilometer brauchte er 48 Minuten. Nur ein Jahr später, im Oktober 1988 folgte der erste Marathon, in Frankfurt lief er in 2:57 Stunden sofort unter die 3-Stunden-Marke. Es war der Startschuss zu einer erfolgreichen Läuferkarriere. Nicht nur bei Meisterschaften sammelte er Titel und Erfolge, auch bei den heimischen Volksläufen wurde er zum Seriensieger und noch immer hält er auf einigen Strecken die Bestzeiten. Zu seinen Lieblingsstrecken gehörte natürlich der damals immer gut besetzte Kindelsberglauf des TV Eichen, mit vielen Höhenmetern hinauf zum Wahrzeichen der Stadt Kreuztal sowie der Rothaarwaldlauf des TSV Aue-Wingeshausen. „Das war genau mein Ding. Ich konnte auf der langen Strecke oft gewinnen und ich erinnere mich gut an die Duelle mit Fred Mockenhaupt.“
130 bis 160 Trainingskilometer pro Woche

Die Erfolge sind ihm nicht durch reines Talent geschenkt worden, hinter seinen Leistungen steckt harte Trainingsarbeit. So brachte er von 1993 bis 1994 neben dem Job und dem Bau des Eigenheims in Hilchenbach immer noch Motivation und Energie fürs anstrengende Training auf. „Ich bin auch in dieser Zeit noch fast täglich gelaufen“, erzählt er. Und sein Trainingsrezept für die schnellen Zeiten auf den „langen Kanten“? „Ich habe jede Woche einen langen Lauf über 30 bis 35 Kilometer gemacht. Dazu Bergläufe und Intervalle auf der Bahn. Insgesamt 130 bis 160 Trainingskilometer pro Woche sind da schon zusammengekommen.“
2006 Sieg beim Rennsteiglauf
Beim Rückblick auf ein erfolgreiches Sportlerleben bleiben aber nicht nur Zeiten und Titel in Erinnerung, es sind die Erlebnisse als Langstreckenläufer die bis heute bleibende Eindrücke hinterlassen haben. Wie zum Beispiel sein Gesamtsieg 2006 beim legendären Rennsteiglauf in Thüringen, der mit bis zu 15.000 Startern als der größte Landschaftslauf Europas gilt. Die 73,9 Kilometer lange Strecke von Eisenach nach Schmiedefeld, gespickt mit insgesamt 1490 Höhenmetern bergauf und 989 Höhenmetern bergab lief Braukmann in der Zeit von 5:26:23 Stunden. „Im Ziel wurde ich dann als Sieger gefeiert. Ein tolles Erlebnis, das für mich bis heute unvergessen ist.“
Überraschender WM-Einsatz im Nationaltrikot
Unvergessen bleibt auch der einzige Start im Nationaltrikot der Bundesrepublik und auch das Kuriosum seiner Nominierung. „Ich hatte Wanderurlaub in Mittenwald gemacht und dort an einem gut besetzten Berglauf teilgenommen. Was ich nicht wusste, dass das für die deutschen Läufer ein Ausscheidungsrennen für die Berglauf-WM war. Ich habe den 3. Platz belegt und bei der Siegerehrung ist dann Trainer Wolfgang Münzel mit einem halben Liter Bier zu mir an den Tisch gekommen“, erzählt Braukmann. Der bärtige Münzel, Berglauf-Chef im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), überraschte ihn dann mit den Worten: „Du bist dabei im Nationalteam für die Berglauf-WM in Italien.“ Die Berglauf-Weltmeisterschaft 2001 in Arta Terme wurde für die „Hilchenbacher Bergziege“ ein einmaliges Erlebnis. Nicht nur sportlich. „Für Deutschland laufen, dazu fünf Tage von der Arbeit freigestellt, dazu wurden alle Kosten übernommen. Das lässt man sich schon mal gerne gefallen“, lacht Braukmann.
Für den Marathonsieg am Bodensee gab’s ein Auto

Zu den bleibenden Lauferlebnissen gehört auch der ganz besondere Marathon auf der Originalstrecke von Marathon nach Athen. „Ich habe 1990 Urlaub in Griechenland gemacht und dann an dem Lauf teilgenommen.“ Ganz oben auf der Liste der Wettkämpfe mit dem größten Erinnerungswert und zugleich das lukrativste Rennen seiner Laufbahn ist aber der 3-Länder-Marathon am Bodensee im Oktober 2002. Thomas Braukmann: „Es hat geschüttet wie aus Eimern. Ich war in einer Gruppe hinter dem Führungsfahrzeug und nach 15 Kilometern teilte sich das Teilnehmerfeld. Was ich nämlich nicht wusste, der Marathon war zusammen mit dem Halbmarathon gestartet worden. Plötzlich war ich der einzige Läufer in der Spitzengruppe und ich bin dann 27 Kilometer lang alleine hinter dem Führungsfahrzeug hergelaufen. Mit einer Zeit von 2:30 Stunden bin ich dann im Ziel im Casino-Stadion von Bregenz als Sieger empfangen worden. Bei der Siegerehrung kam dann die große Überraschung. Als Preis für den Sieg habe ich einen Autoschlüssel für einen funkelnagelneuen Smart überreicht bekommen. Der wurde dann zwei Wochen später ins Siegerland überführt. Ich habe ihn dann von Siegen nach Hilchenbach gefahren, den Wagen aber wenig später wieder verkauft.“
Mit 48 Jahren das letzte „echte“ Rennen
Den letzten „echten“ Wettkampf, den hat Thomas Braukmann am 7. September 2014 bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften über 10 Kilometer in Düsseldorf bestritten. Im Alter von 48 Jahren lief er in 34:10 Minuten auf den Bronzerang in der Altersklasse M45. Danach hat er die Laufschuhe an den Nagel gehängt. „Es war eine wunderschöne Zeit. Das Laufen hat mir unheimlich viel gegeben und mir lange Spaß gemacht. Aber jetzt bin ich froh, dass ich nicht mehr auf so einem hohen Niveau trainieren muss. Ich habe in den letzten Jahren aufgrund von Arthrose immer mehr Knieprobleme bekommen. Ein mal pro Woche 6 Kilometer Dauerlauf, mehr geht nicht.“ Das reicht dann soeben noch für einen Start beim Gillerlauf – zuletzt im Jahr 2025.

Die „Hilchenbacher Bergziege“ klettert immer noch
Nach fast drei Jahrzehnten Leistungssport kann Thomas Braukmann natürlich nicht still auf dem Sofa sitzen. Das Laufen hat er gegen Mountainbikefahren, Training im Fitnessstudio und Wandern getauscht. „Und Wandern heißt bei mir nicht Spazierengehen. Am liebsten mache ich Wanderurlaub im Allgäu. Ohne Familie, ganz für mich allein, das ist geil. Wenn ich dann den Berg hochkomme, dann machen alle sofort Platz, ein bisschen Kondition scheint doch übrig geblieben zu sein“, lacht der 60-Jährige am Ende des Interviews. Klar, die „Bergziege“ liegt ihm eben immer noch im Blut.
